"Wir brauchen Aufklärung"

Nachhaltigkeitsexperte Prof. Dr. Dr. Radermacher im Interview

Mit einem Vortrag zum Thema "Globalisierung, Nachhaltigkeit, Zukunft: Sind wir noch zu retten?" bereicherte der Mathematiker, Ökonom und Nachhaltigkeitsexperte Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher die zurückliegende Generalversammlung der Pax-Bank. Im Interview mit Tom Veltmann, Experte für Nachhaltigkeit und Markenführung der Pax-Bank, äußert sich Professor Radermacher über die Welt von morgen – und über die Rolle, die Banken darin spielen.

Experte im Interview: "Wir brauchen Aufklärung" - Nachhaltigkeitsexperte Prof. Dr. Dr. Radermacher im Interview - Foto:©Petmal/istockphoto.com

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Prof. Dr. Dr. Radermacher im Interview - Foto:©Thomas Klink
Prof. Dr. Dr. Radermacher im Interview - Foto:©Thomas Klink

Tom Veltmann: Herr Professor Radermacher, als Mathematiker unter den angesehensten Nachhaltigkeitsexperten bringen Sie eine besondere Expertise auch in die bedeutenden internationalen Nachhaltigkeitsgremien. Ist es die mathematische Abstraktheit oder ihre Einfachheit, die die komplexen Nachhaltigkeitsthemen vermittelbar macht?

Prof. Franz Josef Radermacher: Nachhaltigkeit ist ein kompliziertes Thema. Generell hilft Abstraktion und generell hilft die Nutzung mathematischer Modellüberlegungen, um solche Themen adäquat zu verstehen und dann auch vermittelbar zu machen.

Veltmann: Welche sind die wichtigsten Botschaften, die Sie den Menschen vermitteln möchten?

Radermacher: Folgende Erkenntnis ist mir wichtig: Das hohe Konsumniveau in den Industrieländern war nur möglich, weil die meisten Menschen auf dem Globus relativ arm waren. Jetzt, wo wir an immer mehr Stellen kopiert werden, werden die Grenzen dieses Modells in Bezug auf Ressourcen und Klima deutlich. Ohne neue technische und organisatorische Lösungen ist ein "weiter so" nicht mehr möglich. Insbesondere kann der chinesische Weg zu mehr Wohlstand aus Ressourcensicht nicht noch einmal wiederholt werden, weder in Indien, noch in Afrika.

Veltmann: Welche Entwicklungen treiben die großen Nachhaltigkeitsthemen am stärksten?

Radermacher: Aus dem raschen Wachstum der Weltbevölkerung resultieren besonders große Probleme. Insbesondere der naheliegende Wunsch, für alle diese Menschen einen gewissen Wohlstand zu erreichen, führt zu erheblichen Ressourcen- und Klimabelastungen. Das Klimathema ist das wohl größte weltumspannende Thema, mit dem wir konfrontiert sind. Das gilt in besonderer Weise für Afrika. Hier könnte sich die Bevölkerung in diesem Jahrhundert auf über vier Milliarden Menschen vervierfachen, hier könnte der Klimawandel zugleich Bedingungen schaffen, unter denen Menschen an vielen Stellen nicht mehr leben können. Wie sollen wir damit umgehen bzw. was können wir tun, damit es nicht dazu kommt? Auch die wirtschaftliche Entwicklung ärmerer Länder, insbesondere solcher mit großer Bevölkerung, ist ein wichtiges Thema. Das zeigt z.B. China. China hat in den vergangenen Jahren den größten Beitrag zur Überwindung der Armut geleistet. Das ist positiv. China hat aber im Gegenzug auch die mit Abstand größten zusätzlichen Ressourcen-und Klimaprobleme erzeugt, das war der Preis. In wenigen Jahren hat China z.B. mehr Beton verbaut als die USA in ihrer ganzen Historie, im Jahr 2014 hundert Mal so viel wie wir in Deutschland. Das lässt sich so nicht weiter fortsetzen, auch wenn das Erreichte ökonomisch ein Erfolg ist.

Veltmann: Glauben Sie, dass man die Komplexität dieser Nachhaltigkeitsthemen auflösen kann, um Verbesserungen zu erreichen? D.h. müssten nicht die Menschen zunächst aufgeklärt werden, um ein demokratisches Umdenken zu erreichen?

Radermacher: Ich glaube nicht, dass man die Komplexität der Nachhaltigkeitsthemen auflösen kann oder sollte. Was man braucht, ist Kommunikation und Aufklärung, um Verständnis zu erreichen. Ob die Demokratie für die vor uns liegenden Probleme der richtige Rahmen ist, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich werden internationale Verträge in der Folge von großen Krisen eine Rolle spielen. Deutlich werden müsste, dass wir insbesondere neue Technologien brauchen, um für mehr Menschen einen hohen Wohlstand ohne übermäßige Belastung von Umwelt und Klima zu ermöglichen.

Veltmann: Heute wissen die meisten Menschen nicht, was ihre Bank mit ihrem Geld macht. Geld ist aber ein Gestaltungsmittel für die Zukunft und als Zahlungsmittel ein verantwortungsvoller Stimmzettel für die eigene Auswahl, in Richtiges zu investieren oder Richtiges zu unterstützen. Meinen Sie, dass Geld heute dorthin fließt, wo es gebraucht wird?

Radermacher: Im Rahmen unseres Marktsystems fließt Geld vor allem dahin, wo es hohe Rendite bringt. Das ist nicht notwendigerweise die Stelle, wo es besonders gebraucht würde oder besonders wirksam wäre oder besonders vielen Menschen helfen würde, z.B. in Bezug auf die Forschungsfelder in der Medizin. Einfluss zu nehmen, wenn man investiert, macht also Sinn. Zu beachten ist allerdings immer der Einfluss großer Geldgeber als alternative Finanzierung. Auch sind verschiedene gesellschaftliche Notwendigkeiten zu beachten.

Veltmann: In unserer weltumspannenden sozialen Marktwirtschaft bestimmt der Konsum die Wirtschaft. Über den Bankenmarkt fließt das Geld der Menschheit. In welcher Verantwortung stehen Ihrer Meinung nach die Banken?

Radermacher: Der Konsum spielt eine große Rolle, aber natürlich auch Macht- und Finanzinteressen in Wirtschaft und Politik. Über den Markt fließt das Geld der Menschheit, aber wer hat die Verantwortung? Hinter allem stehen die Eigentümer. Die Eigentümer der Banken, wie auch die Eigentümer des Geldes. Letztlich müssen Eigentümer, Banken und Bankkunden bewegt werden, Verantwortung für das verwaltete Geld zu übernehmen und mit ihrem Geld Nachhaltigkeit zu fördern. Besonders attraktiv ist es, wenn hier die großen Eigentümer, also die Spitze der Eigentumspyramide aktiv wird, oder auch die großen Fonds, die enorme Summen verwalten, z.B. Pensionsfonds.

Veltmann: Zum Schluss die Gretchenfrage: Wie, glauben Sie, wird unsere Welt in 50 Jahren aussehen?

Radermacher: Wenn ich in die Zukunft schaue, dann sehe ich in meinen Analysen schon seit langem drei Szenarien: Erstens eine Welt der Nachhaltigkeit und Balance mit relativ hohem Wohlstand. Das ist die Zielvorstellung, für die ich mich engagiere. Dann alternativ eine Welt, die vom Zwei-Klassen-Typ ist, die also beispielsweise an Südafrika oder Brasilien erinnert. Und schließlich drittens eine Welt, die durch einen ökologischen Kollaps gekennzeichnet ist.

Am wahrscheinlichsten ist für mich die Zwei-Klassen-Gesellschaft. Das bedeutet, dass man die Umweltprobleme irgendwie löst, aber so, dass man eben einen Großteil der Bevölkerung vom Konsum ausschließt. In der Tendenz würden insbesondere viele Menschen in der reichen Welt nicht mehr so gut leben können wie bisher. Die Knappheit der Ressourcen, die Preisstrukturen, die regulativen Eingriffe bis hin zu Vorschriften über die Lebensgestaltung würden das Bild dominieren. Der Vorteil der Zwei-Klassen-Gesellschaft wären hohe Reduktionen in Bezug auf Ressourcenverbrauch und Klimabelastungen. Auch würden die Armen auf dem Globus den Gedanken aufgeben, sie könnten in Richtung Wohlstand vorankommen. Die Lösung ist dann eben nicht, dass Milliarden weiterer Menschen zu Wohlstand kommen, sondern eher, dass bei uns der Mittelstand ausgeblutet wird. Das ist, so unschön es wäre, immer noch besser als ein ökologischer Kollaps und möglicherweise Bürgerkrieg und hunderte Millionen von Toten.

Aber das ist natürlich nicht die Perspektive, die man sich erhoffen würde. Es lohnt sich deshalb, sich zu engagieren für eine Welt in Balance, für eine Welt der Nachhaltigkeit, des Wohlstandes für alle. Und dieses Ziel ist erreichbar, aber eben nur mit weiteren technischen Durchbrüchen und mit einem ganz anderen Typ an Kooperation und internationaler Zusammenarbeit, als wir das heute erleben. Letzteres betrifft insbesondere auch das Thema eines stärkeren internationalen Finanzausgleichs zwischen den Staaten.

Literaturempfehlung:

Radermacher, F.J., Bert Beyers: Welt mit Zukunft – Die Ökosoziale Perspektive. Murmann Verlag, 1. Auflage 2007, 6. Überarbeitete Auflage 2014, Copyright 2011 by Murmann Publishers GmbH, Hamburg