Pax-Bank-Preis

Das Eigene im Dialog vertreten

Zum zwölften Mal hat die Pax-Bank Ende Juni ihren mit 2.500 Euro dotierten Preis verliehen. Alljährlich werden damit hervorragende Arbeiten auf dem Gebiet des interkulturellen und interreligiösen Dialogs ausgezeichnet. Preisträger 2016 ist der Jesuitenpater Tobias Specker, Juniorprofessor für „Katholische Theologie im Angesicht des Islam“ an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main.

Prof. Tobias Specker SJ, Foto: ©Christian Ender

Prof. Tobias Specker SJ, Foto: ©Christian Ender

„Katholische Theologie im Angesicht des Islam“ – was zunächst sperrig klingen mag, ist mit Absicht so formuliert. „Ich lehre nicht Islamkunde, sondern katholische Theologie, aber im Hinblick auf Berührungspunkte, Überschneidungen und Gegensätze zu den Traditionen und gegenwärtigen Entwicklungen muslimischen Denkens“, erklärt Pater Specker die Idee, auf der sein Lehrstuhl fußt. Unterschiede aufzuzeigen, davon ist der Jesuit überzeugt, bedeutet nicht, sich abzugrenzen. Im Gegenteil: „Jede Religion hat etwas Eigenes, und das ist auch gut so. Nur muss ich das Eigene kennen, um es im Dialog auch vertreten zu können.“

Zwei Module unterrichtet Specker in Sankt Georgen: Offenbarungskritik und Schöpfungstheologie. „Die theologische Nähe bei diesen Themen macht zugleich die Unterschiede gut sichtbar.“ Außerdem verantwortet er den Aufbaustudiengang „Islam und christlich-muslimische Begegnung“.

Er selbst interessiert sich schon seit vielen Jahren für den Islam. Während seiner Studienzeit an der Universität Bochum lebte er in einem von vielen Muslimen bewohnten  Viertel. Auch sein Zimmernachbar im Studentenwohnheim stammte aus der Türkei. Im Gespräch mit ihm musste Specker feststellen, dass er vom Islam fast gar nichts wusste. Dem wollte er Abhilfe schaffen und engagierte sich im christlich-islamischen Gesprächskreis der katholischen Hochschulgemeinde. Vertiefen konnte Specker seine Kenntnisse auf etlichen Reisen. In der Türkei und in Syrien, im Libanon, in Ägypten und Marokko lernte er viel über das Ineinandergreifen der Religionen und Kulturen.

Auch beruflich befasst sich der Jesuit schon lange mit dem Islam. Von 2005 bis 2010 war er Bildungsreferent am Heinrich-Pesch-Haus in Ludwigshafen, das auch die katholische Akademie des Bistums Speyer ist, mit einem Schwerpunkt im Bereich interreligiöser Dialog. Von 2007 an war er zusätzlich Islambeauftragter des Bistums und konnte so viel Erfahrung in der Dialogarbeit vor Ort sammeln. Und weil ihm das noch nicht genug war, sattelte er einen Bachelor in Islamischen Studien darauf – als einer von drei Christen unter damals rund 100 Muslimen. „Das war schon eine ganz besondere Erfahrung.“

Die Basis für den interreligiösen Dialog beschreibt Specker wie folgt: „Wir verehren denselben Gott, aber unser Glaube ist niemals identisch mit Gott selbst, sodass es ständige Selbstkorrektur und Neuaufbrüche braucht.“ Problematisch werde es, wenn ein Gesprächspartner diesen Grundkonsens verlasse. „Wenn mir jemand den Glauben grundsätzlich abspricht, ist ein Dialog für mich nur schwer denkbar.“ Von daher gelte es, die Rede von Gläubigen und Ungläubigen grundsätzlich neu zu bedenken.

Spannend findet Pater Specker die Anfragen, die gläubige Muslime an Christen stellen, weil sie letztlich helfen, die eigene Religion zu verstehen. Eine dieser Fragen betrifft die Bedeutung religiöser Praxis im Alltag, denn ohne Alltagspraxis ist keine Religion lebensfähig. Umgekehrt hört Specker von muslimischer Seite mitunter den Eindruck, dass die Institution Kirche dem Gläubigen viel von seiner Individualität nimmt. „Da komme ich dann ins Nachdenken darüber, was kirchliche Gemeinschaft eigentlich für mich bedeutet.“

Der christlich-islamische Dialog, da ist Pater Specker realistisch, ist derzeit in einer schwierigen Phase. „Die weltpolitische Lage, aber auch die Entwicklung in der Türkei sind da wenig hilfreich.“ Dennoch bleibt der Jesuit optimistisch. „Persönliche Begegnungen lassen mich immer wieder hoffen, dass wir einen Weg aus dem Dilemma finden“, betont er. Der Preis, betont Specker, zeichnet nicht zuerst seine eigene Arbeit aus. „Diese ist nur ein Knotenpunkt, an dem hoffentlich viele Menschen, Christen und Muslime, zusammenfinden. Deshalb gilt er all denen, die mir bei meiner Arbeit geholfen haben.“ Mit dem Preisgeld will er eine Begegnung von christlichen und muslimischen Studierenden auf dem Balkan unterstützen, die für nächstes Jahr geplant ist.